Stefan Bast: Materialität(en) und (Aus-)handlung

In welchem Kontext arbeitest Du als KunstvermittlerIn?

SB: Derzeit als Kunstvermittler und Kunstpädagoge/Kunstlehrer an einer Schule und der Jugendkunstschule im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Zuvor habe ich verstärkt im außerschulischen Bereich gearbeitet und dort gemeinsam mit unterschiedlichen Kulturschaffenden Projekte und Vermittlungssettings konzipiert und / oder durchgeführt (u.a. in Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum Schlachthof e.V. Kassel, auf der dOCUMENTA(13) etc.). Parallel dazu war ich als künstlerischer Mitarbeiter an der Kunsthochschule Kassel im Arbeitsbereich Theorie und Praxis der Visuellen Kommunikation tätig und habe dort gemeinsam mit Kolleg*innen Student*innen bei ihren Projekten unterstützt.

Mit wem arbeitest Du zusammen?

SB: Mit Künstler*innen, Kunstvermittler*innen, Lehrer*innen, Gestalter*innen,  Theoretiker*innen, Wissenschaftler*innen, Kurator*innen, Sozialarbeiter*innen, die freiberuflich und/oder in Institutionen unterschiedlicher Art tätig sind.

Was verstehst Du unter Kunstvermittlung?

SB: Kunstvermittlung ist für mich ein Ort der (Aus-)handlung, ein Ort für Diskussionen und damit Anstoß für mögliche Bildungs- und Lernprozesse. Kunstvermittlung ist für mich hingegen keine Serviceleistung, die versucht, das (vollendete) Werk, die Ausstellung etc. nachträglich und möglichst widerspruchsfrei zu vermitteln.

In was für einem Verhältnis stehen Vermittlung und Kunst (für Dich) zueinander?

SB: Eine der (vielen) möglichen Narrationen diesbezüglich lautet: Kunst ist der Gegenstand, den die Kunstvermittlung vermittelt. Diese Umschreibung greift mir persönlich viel zu kurz und doch benennt sie etwas, das in vielen Kontexten immer noch als gesichert gilt: Kunstvermittlung sei das, was auf die Kunst folgt, sozusagen hinzu kommt. Ich aber glaube an eine Idee von Vermittlung und Kunst, die dieses (mögliche) Verhältnis (welches immer auch mit Auf- und Abwertungen der Praxen verknüpft sind) infrage stellt und aufbricht.

Warum (zeitgenössische) Kunst vermitteln?

SB: Die Vermittlung zeitgenössischer Kunst führt im Idealfall zu einem irritierenden (verunsichernden) Moment, ermöglicht weitere Sichtweisen auf Dinge einzunehmen und die eigene Position zu (über-)denken. Andere Realitäten können zu den schon bekannten gestellt und so Bildungs- und Reflexionsprozesse provoziert werden.

In welchem Verhältnis siehst Du die Praxis des Kuratierens und der Vermittlung?

SB: Die Praxen des Kuratierens und des Vermittelns haben mitunter ein komplexes Verhältnis zueinander. Beiden dürfte aber der Anspruch gemein sein, Felder zu durchdringen, (neu) zu ordnen oder von unterschiedlichen Perspektiven aus (ausschnitthaft) zu betrachten. Sie stellen damit auch eine Art Strukturierungsleistung dar. Während die Praxis des Kuratierens einen starken Bezug zur Gestaltung des Raums aufweist, bezieht sich die Vermittlung meines Erachtens stärker auf das Gestalten von Prozessen (der Bildung).


Warum ist Kunstvermittlung für ein Museum / eine Institution wichtig?

SB: Kunstvermittlung im Museum / in Institutionen kann ein Ort, ein Moment sein, über die Dinge ins Handeln und ins Sprechen zu kommen. Museen / Institutionen müssen Ausstellungen und Werke zur Diskussion stellen, ansonsten bleibt Kunst reiner Selbstzweck und das Museum ein Aufbewahrungsort für Dinge. Beides fände ich nicht sonderlich interessant.

Wo befinden sich die (institutionellen) Räume, in denen wir über unsere Kunst-Erfahrungen diskutieren können?

SB: Die Räume, in denen wir über unsere Kunst-Erfahrungen diskutieren können, befinden sich überall dort, wo wir möchten, dass sie sich befinden und wir diese (gemeinsam) entstehen lassen.

Inwiefern kann Kunstvermittlung dem Publikum einen Handlungsraum eröffnen?

SB: Im Idealfall führt Kunstvermittlung dazu, dass das Handeln innerhalb von Vermittlungssettings als eine Form der Selbstermächtigung antizipiert wird.

Wann findest Du ist Kunstvermittlung gelungen? Wann findest Du ist Kunstvermittlung schwierig?

SB: Gelungen finde ich Kunstvermittlung, wenn diese nicht ausschließlich normatives Wissen reproduziert, sondern Fragen etc. aufwirft, die das Subjekt zu einer eigenständigen Auseinandersetzung befähigen. Nicht gelungen finde ich Kunstvermittlung, wenn sie wiederholt, was normativ als gesichertes oder wertvolles Wissen gilt (z.B. wenn bestimmte Werke thematisiert werden, von denen behauptet wird, dass diese Schüler*innen mit Verweis auf einen angeblich alternativlosen Kanon kennen müssen und die Lesart in der Auseinandersetzung mit Werken wenig Raum für eigene Zugänge der Schüler*innen lässt).

Gibt es eine spezielle Methode oder Strategie mit der Du aktuell arbeitest?

SB: Es gibt sicherlich grundsätzliche Methoden oder Strategien, mit denen ich aktuell und wiederkehrend arbeite. Wichtig finde ich für mein Tun einerseits, dass die Strategie nicht zur Methode wird und ich von mir selbst immer wieder ein gewisses Maß an Beweglichkeit verlange. Andererseits versuche ich in meinem Kunstunterricht immer wieder Verschiebungen des Bekannten zu provozieren wie auch möglichst große Transparenz (Warum setzen wir uns damit auseinander? Was bringt mir das? Wer bestimmt, dass ich mir dieses Werk anschauen muss?) herzustellen.

Woran arbeitest Du gerade?

SB: Im Unterricht arbeite ich gerade an eher offenen größeren Projekten, die unterschiedliche Medien, Strategien und Perspektiven berücksichtigen und sich unter einem gemeinsam mit den Schüler*innen abgestimmten Thema formieren. Dabei ist mir wichtig, wirkliche Problemfragen zu konzipieren und keine bevormundenden Konzepte zu entwerfen, die „die eine richtige Lösung“ von Beginn an festschreiben.

Welche Bücher, Projekte etc. sind für Deine Arbeit wichtig – und warum?

SB: Für mein Tun sind nicht nur bestimmte Bücher, Projekte etc., sondern auch künstlerische Arbeiten / künstlerische Positionen wichtig. Mich interessieren Künstler*innen, die Materialität(en) in ihren Arbeiten verhandeln, gesellschaftlich-politische Kontexte berücksichtigen oder auch Sprache(n) (als Material) nutzen (z.B. Park McArthur, Nairy Baghramian etc.). Zudem lese ich mit dem Blick eines Kunstlehrers derzeit vor allem Bücher / Texte zu den Themen Postkolonialismus und Migrationspädagogik (z.B. Maria do Mar Castro Varela, Paul Mecheril etc.), da ich die Auseinandersetzungen mit diesen Themen zentral für Kunstunterricht und Schule finde.

Welche Frage würdest Du gerne einer/m KunstvermittlerIn stellen?

SB: Soll ich persönlich Stellung in Vermittlungsprozessen beziehen? (Wie) soll ich mich positionieren?

Wie stellst Du dir die Zukunft der Kunstvermittlung vor?

SB: Für eine Kunstvermittlung in der Schule würde ich mir wünschen, dass

  • im Kunstunterricht die Position, aus der jeweils gesprochen wird, stärker reflektiert wird. Dies bezieht sich einerseits auf die Person der Lehrer*in wie auch auf den Inhalt des Kunstunterricht selbst, der durch das Curriculum vor-formatiert wird
  • man neben den ästhetischen-gestalterischen auch die politisch-gesellschaftlichen Dimensionen von Kunst bearbeitet.

Stefan Bast studierte Bildende Kunst, Kunstpädagogik, Germanistik und Geografie an der Kunsthochschule Kassel und der Philipps-Universität Marburg. Er war als künstlerischer Mitarbeiter im Arbeitsbereich Theorie und Praxis der Visuellen Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel tätig und konzipierte und führte gemeinsam mit Kolleg*innen handlungsorientierte Kunstvermittlungsformate für unterschiedliche Gruppen und Institutionen im außerschulischen Bereich (documenta (13), Kulturzentrum Schlachthof e.V. etc.) durch.
Stefan Bast setzt sich (künstlerisch-)forschend mit Fragen zur Rolle von Materialität(en) und Sprache(n) sowie Formen des (Nicht-)Zeigens im Kontext von Ausstellungen auseinander. Derzeit arbeitet er als Kunstlehrer / Kunstvermittler / Künstler an einer Schule in Berlin Hellersdorf und der Jugendkunstschule des Bezirks Berlin Marzahn-Hellersdorf.

Interview: Gila Kolb

Bild: Stefan Bast, 2017



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