Hanna Ohtonen – Wem gegenüber bist Du verantwortlich?

In welchem Kontext arbeitest Du als Kunstvermittlerin?
Hanna Ohtonen: Ich bin freischaffend und bin letztendlich zu der überlangen Beschreibung einer Kuratorin-Schreiberin-Vermittlerin gekommen. In der Vergangenheit habe ich Kindern und Erwachsenen verschiedenen Alters Fotografie vermittelt. Gemeinsam mit meiner Kollegin Selina Väiheikki habe ich vor kurzem Workshops und forschungsbasierte Veranstaltungen durchgeführt, innerhalb derer das gemeinsame Lernen mit anderen ein zentrales Element war. Zudem lehrte ich das Schreiben über Kunst im Masterstudiengang CuMMA („Kuratieren, Kunst managen und vermitteln“) an der Aalto Universität mit der Professorin Nora Sternfeld und der Kuratorin Marina Norhona. Um es kurz zu machen, ich arbeite mit Kunst und Vermittlung in verschiedenen Zusammenhängen, aber derzeit nicht als Kunstvermittlerin.

Mit wem arbeitest Du zusammen?
HO: Wie ich schon erwähnt habe, arbeite ich derzeit mit Selina Välileikki zusammen. Wir sind ein Kuratorenduo, das nynnyt heißt. Vor kurzem habe ich eine Lehrveranstaltung mit Nora Sternfeld und Marina Norhona eine Lehrveranstaltung durchgeführt. Im Rahmen dieser Lehrveranstaltung arbeitete ich auch mit einer Gruppe von Studierenden des Studienganges „Kuratieren“. Als nyynyt haben wir kürzlich mit unterschiedlichen Menschen, hauptsächlich Frauen, die im finnischen Kunstfeld tätig sind, zusammen gearbeitet. Wenn ich schreibe, ist normalerweise mein schlafendes Kind Elia anwesend, ein schlafender Hund namens Greta und die Pflanzen bei mir zu Hause. Ich bin mich nicht sicher, ob sie schlafen, aber sie haben sicherlich einen Einfluss auf den Arbeitsprozess.

Was verstehst Du unter Kunstvermittlung?
HO: Ich verstehe Kunstvermittlung als einen gemeinsamen Lernprozess mit der Kunst und anderen Menschen. Mein persönliches Verständnis einer gegebenen Situation verändert sich leicht mit der Rolle, die mir darin zugewiesen wird, aber genau das ist die Idee, an der sich alles ausrichtet, was ich in diesem Feld mache.

In was für einem Verhältnis stehen Vermittlung und Kunst (für Dich) Deiner Meinung nach zueinander?
HO: Ich persönlich denke über Vermittlung nach, wenn ich Kunst begegne oder mit ihr arbeite. Ich würde es nicht als Pädagogik bezeichnen, aber oft vermischen sich die beiden Begrifflichkeiten. Für mich gelingt Lernen am Besten, wenn Kunst in irgendeiner Art und Weise präsent ist. Sowohl auf professioneller als auch auf persönlicher Ebene verstehe ich die Beziehung der beiden Felder als eine feste Konstante, aber ich gebe auch zu, dass sie auch getrennt in dieser Welt existieren können.
Allgemein gesprochen, beobachte ich, dass sich durch das Post-Internet-Zeitalter die Konzepte des Lehrens, Lernens und Vermittelns verändern: Von einem Informationserwerb zu einer Nutzung von Informationen. Innerhalb dieses Wandels hat Kunst ein enormes Potential, das dazu dienen könnte, diese Konzepte zu verstehen und zu überarbeiten, aber dies ist eine Idee, die hoch politisiert und daher schwer umzusetzen ist. Ich hoffe nur, dass die Kunst in der öffentlichen Bildung zukünftig eine größere Rolle spielen wird und nicht weiter zurückgedrängt wird, zugleich aber nicht als ein politisches Werkzeug für gesellschaftliche Veränderungen verstanden wird.

Warum (zeitgenössische) Kunst vermitteln?
HO: Ich kenne einige Menschen, die Kunst gerne ohne Vermittlung begegnen möchten. Aber ich denke, das ist nicht möglich – es sei denn, man stände in einem Künstleratelier im Moment der Entstehung eines Werkes. Sobald das Kunstwerk in einem Raum und Kontext außerhalb seiner direkten Erzeugung platziert wird, ist Vermittlung am Werk: Irgendjemand denkt darüber nach, wie eine Begegnung mit der Arbeit geschehen sollte.
Meiner Meinung nach hat Vermittlung manchmal einen schlechten Ruf, weil es Situationen gibt, in denen sie nicht erfolgreich ist, im Wege steht oder hinter leeren Worten und Gesten verschwindet. Ich finde, Vermittlung sollte für die guten Momente stehen: Wenn sie der Besucherin Fragen und Informationen auf den Weg gibt, die ihr helfen, in eine Konversation mit dem Werk zu treten.

In welchem Verhältnis siehst Du die Praxis des Kuratierens und der Vermittlung?
HO: Diese beiden sind für mich untrennbar. Ich arbeite in einer Weise, die beide nicht trennt, aber sie in einem beständigen Dialog miteinander hält. Ich weiß, dass dies eine persönliche Entscheidung ist, aber ich glaube auch, dass Kuratieren generell nicht vom Publikum losgelöst gedacht werden sollte, so wie Vermittlung nicht vom kuratorischen Konzept getrennt verstanden werden sollte. Von einer größeren Distanz aus betrachtet, verwischen sich die Grenzen zwischen den Bereichen Kuratieren und Vermittlung, was ich für eine gute Sache halte.

Warum ist Kunstvermittlung für ein Museum / eine Institution wichtig?
HO: Ich denke, sie ist überlebenswichtig. Es gibt unterschiedliche Wege, um diese Dinge anzugehen, und bei weitem sind nicht alle gut. Aber im Allgemeinen denke ich nicht, dass Kunsträume existieren können ohne eine ausgebildete Vorstellung, wie Kunst präsentiert werden könnte und sollte, wie ihr begegnet werden kann, wie über sie diskutiert und sie in Frage gestellt werden kann. Besonders wenn wir über Museen reden, die größtenteils öffentliche Institutionen sind, muss ein Dialog mit dem Publikum hergestellt werden und ich finde, dass dies unter die Kategorie der Vermittlung fällt.

Wo befinden sich die (institutionellen) Räume, in denen wir über unsere Erfahrungen mit Kunst diskutieren können?
HO: Das ist eine schwierige Frage, da ich nicht mit genug Institutionen vertraut bin, um darauf eine qualifizierte Antwort zu geben. Wobei ich sagen kann, dass viele Institutionen es versuchen, aber sich nicht genug darum bemühen. Ich denke, um aktuelle Diskussionen mit der Öffentlichkeit aufzunehmen, muss sich eine Institution aus ihrer Komfortzone heraus bewegen. Es gibt einige, die diese Richtung einschlagen und es ist sehr interessant zu beobachten, wo wir damit in fünf Jahren stehen werden.
Ein Beispiel, das ich immer im Kopf habe, wenn ich über einen Dialog mit der Öffentlichkeit nachdenke, ist das Centre for Possible Studies der Serpentine Gallery in London. Ihr gesamtes Programm besteht aus der Kollaboration mit Menschen, die in einem nahen Bezug zu den jeweiligen Projekten stehen.

Inwiefern kann Kunstvermittlung dem Publikum einen Handlungsraum eröffnen?
HO: Ich vermute, die Möglichkeiten wären grenzenlos, wenn wir nur diese sehr wichtige Idee ernst nehmen würden. Oft wird Bildung oder Vermittlung nachträglich zu einer bereits bestehenden Ausstellung oder einem Projekt hinzugefügt. In diesen Momenten kann das Publikum keine direkte Interaktion mit der Kunst oder der Institution aufnehmen. Das ist nicht notwendigerweise etwas Schlechtes. Meiner Meinung nach ist es aber zum Beispiel keine wirkliche Interaktion, einen Fragebogen darüber auszufüllen, ob man eine Ausstellung oder die Institution gut fand. Wohingegen es zu etwas sehr Wirkungsvollem führen kann, wenn es beispielsweise den Raum gibt, eigene Fragen zu formulieren.

Wann findest Du ist Kunstvermittlung gelungen? Wann findest Du ist Kunstvermittlung schwierig?
HO: Ich denke, wenn es nicht schwierig ist, kann es nicht gelingen.
Wenn ich zum Beispiel Kunstprojekte besuche, neige ich dazu, mich über schlechte Texte zu beschweren, weil es total schwierig ist, einen Text zu verfassen, der etwas eröffnet, was man über diese Kunst wissen sollte, aber nicht auch ohne diesen Text erfahrbar ist. Trotz alledem habe ich schon großartige Texte gelesen, die das tun. Es ist als möglich. Ich vermute, das beschreibt meine Vorstellung davon, was gute Vermittlung mit Kunst macht und was schwer daran ist.

Gibt es eine spezielle Methode oder Strategie, mit der Du aktuell arbeitest?
HO: Ich verstehe das nicht als total innovativ, aber es ist eine Strategie, die für mich gut funktioniert und die ich mit meiner Kollegin Selina Väliheikki nutze: Wir stellen Fragen. So arbeiten wir miteinander, innerhalb unserer Projekte, mit Künstlern und mit unserem Publikum. Was die Arbeit mit Selina besonders macht, ist, dass sie auf Freundschaft basiert und durch sie bestimmt wird. Wahrend unseres Studiums bei CuMMA, haben wir h.a.r.t.a kennen gelernt: Die Freundschaft als Arbeitsmethode nutzen. Das hat uns sehr beeindruckt. Jetzt, wo wir auch Freundschaft als Methode benutzen – eine Haltung, die wir einnahmen, ohne es zu wissen –, lese ich völlig inspiriert Céline Condorellis The Company She Keeps. Condorelli versteht Freundschaft als eine Form von Solidarität oder als Freunde in Aktion. Sie bezieht sich auf die „Aktion“, wie Hannah Arendt sie beschreibt, indem sie Freundschaft erklärt durch die Bündnisse, die wir im Leben mit anderen Wesen, sowohl Subjekten als auch Projekten, eingehen. Über eine feministische Agenda, welche neue Formen der Solidarität verfolgt, um weiße, patriarchale Hegemonien unserer Kultur zu durchbrechen, begann ich, Condorelli zu lesen.

Woran arbeitest Du gerade?
HO: Die vorherigen Antwort fortsetzend, arbeitet nynnyt gerade an einem Forschungsprojekt zur Relevanz des Feminismus in unserer Zeit. Wir stehen noch am Anfang und arbeiten auf eine Ausstellung hin, mit der wir gerne durch finnische Schulen touren würden, um mit Schülern zum Thema Feminismus zusammen zu arbeiten. Und, da mich dieses Thema so sehr beschäftigt, schreibe ich gerade einen Artikel über Feminismus und zeitgenössische Kunst.

Welche Bücher, Projekte usw. sind für Deine Arbeit wichtig und warum?
HO: Womöglich wiederhole ich mich, aber ich muss es unterstreichen: Hannah Arendts Vita activa oder Vom tätigen Leben ist wichtig für mein Verständnis eines Publikums; ein Publikum ist nichts, was wir planen und orchestrieren können, aber etwas, das als durch sich selbst existiert und Dringlichkeiten teilt. Condorellis zuvor erwähnter Text ist gerade wichtig für mich, wie zuvor erklärt. Während meines Studiums hatten meine Professorin Nora Sternfeld, meine Dozentin Henna Harri und die Gastprofessorin Irit Rogoff einen großen Einfluss auf mich und ich komme immer wieder auf ihre Gedanken und Texte zurück. Zurzeit lese ich sowohl Hélène Cixous als auch Franco Berardi, die mein aktuelles Denken beeinflussen.

Welche Frage würdest Du gerne einer/m KunstvermittlerIn stellen?
HO: Donnerwetter. Hmm. Wem gegenüber bist Du verantwortlich?

Wie stellst Du dir die Zukunft der Kunstvermittlung vor?
HO: Ich möchte positiv denken und verstehe es als einen wesentlichen Bestandteil davon, wie Kultur und Bildung entwickelt, gedacht und befragt wird.

 

Hanna Ohtonen ist Kuratorin, Vermittlerin and Autorin. Sie arbeitet in Helsinki, Finnland. 
http://nynnyt.weebly.com/hanna-ohtonen.html
http://nynnyt.weebly.com/cv.html

Interview: Gila Kolb
Übersetzung: Christopher Forlini/ Gila Kolb



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