Britta Petersen – Dialogische Interaktion

In welchem Kontext arbeitest Du als KunstvermittlerIn?

Britta Petersen: Primär habe ich im musealen Kontext gearbeitet, was ich auch immer noch zeitweise tue. Seit vier Jahren bin ich hauptberuflich Universitätslektorin und konnte so meine Arbeit als Kunstvermittlerin am Institut Kunstwissenschaft – Filmwissenschaft – Kunstpädagogik der Universität Bremen ausbauen. Innerhalb mehrerer Projekte habe ich zudem in Schulen und in der Erwachsenenbildung als Kunstvermittlerin gearbeitet.

Mit wem arbeitest Du zusammen?

BP: In der Regel mit Museen, dort oft mit freiberuflichen KunstvermittlerInnen und KünstlerInnen. In vielen Projekten mit LehrerInnen.

Was verstehst Du unter Kunstvermittlung?

BP: Das ist eine wunderbare Frage, da ich meist darüber nachdenke, was ich nicht darunter verstehe. Das liegt wohl daran, dass mir oft eine Haltung begegnet, welche Kunstvermittlung im Rahmen der klassischen Museumsführung denkt. Idealer Weise ist Kunstvermittlung für mich eine besondere Form der Begegnung mit Menschen. Interaktion steht im Vordergrund, welches Medium vermittelnd eingesetzt wird, ist individuell und situativ. Mein Medium ist die (gesprochene) Sprache. So steht für mich das dialogische Arbeiten im „Anblick“ künstlerischer Formen an erster Stelle. Praxen des Ausstellens sind auch ein wichtiger Aspekt meiner Anschauung. Zentral dabei ist die Haltung der Kunstvermittlung als „integrative“, (eigentlich lieber) demokratische, kommunikative Gestaltungsform; ob diese verbal, räumlich, visuell etc. artikuliert wird, ist entsprechend nicht der eigentliche Punkt.

In was für einem Verhältnis stehen Vermittlung und Kunst (für Dich) zueinander?

BP: Kunst ist der Anlass zur „Verwicklung“ in verschiedene Themen. Den oft elitär gebrauchten Kunstbegriff würde ich hier außer Kraft setzen und lieber von visueller Kultur sprechen.

Warum (zeitgenössische) Kunst vermitteln?

BP: Zeitgenössische Kunst ist einerseits sehr nahe am betrachtenden Subjekt und formuliert andererseits Gesellschaftskritik so, dass Denkprozesse initiiert werden. Überhaupt verweigern (gute) künstlerische Formen die Kategorisierung in „richtig“ oder „falsch“. Die damit angedeutete Nähe zur Gegenwart und die Offenheit der Form macht zeitgenössische Kunst zu einem idealen Gegenstand bewegender Dialoge.

In welchem Verhältnis siehst Du die Praxis des Kuratierens und der Vermittlung? 

BP: Wie schon hinsichtlich meines Verständnisses des Begriffes angedeutet, interessiert mich die Praxis des Kuratierens als Vermittlungsform sehr. Schön wäre es einerseits, wenn Ergebnisse künstlerischer Prozesse nicht mehr in den Fluren der Museen und Schulen landen würden. Andererseits wäre eine ehrliche und  gleichberechtigte Verbindung der gegenwärtig institutionell oft getrennten Abteilungen Kunstvermittlung und Ausstellungskuration ein zentraler Aspekt, um ernsthaft politische Ansprüche  kritischer Kunstvermittlung realisieren zu können.

Warum ist Kunstvermittlung für ein Museum/eine Institution wichtig?

BP: Weil es einem Museum um seine BesucherInnen gehen sollte und zwar nicht ausschließlich als mögliche Einnahmequelle….

Wo befinden sich die (institutionellen) Räume, in denen wir über unsere Kunst-Erfahrungen diskutieren können? 

BP: Wahrscheinlich überall!

Inwiefern kann Kunstvermittlung dem Publikum einen Handlungsraum eröffnen?

BP: Wie gesagt, die gängige Praxis und die Utopie demokratischer Vermittlung unterscheiden sich voneinander. Die Praxis, so wie ich sie kenne, ermöglicht keinen Handlungsraum, einen Denkraum schon eher, aber auch nicht grundsätzlich. Vielleicht ist mir der „Handlungsraum“ auch zu abstrakt…

Wann findest Du ist Kunstvermittlung gelungen? Wann findest Du ist Kunstvermittlung schwierig?

BP: Schwierig ist es, wenn bestimmte Vorstellungen etablierter Institutionen reproduziert werden. Die Idee der Weitergabe einer sich selbst verpflichteten kanonisierten Kunstgeschichte als eigentliche Aufgabe der Vermittlung ist nicht produktiv. Es sollte um die Frage kritischer Haltungen gehen, diese resultieren  aus dem Vermittlungsprozess selber.

Gibt es eine spezielle Methode oder Strategie mit der Du aktuell arbeitest? 

BP: Nein.

Woran arbeitest Du gerade?

BP: Im Mittelpunkt steht momentan mein Dissertationsprojekt, in diesem Rahmen untersuche ich Bilder muslimisch „verhüllter“ Frauen, die im westlichen Diskurs als Zeichen für „den Islam“ fungieren. Mich interessieren Produktion und Reproduktion dieser Repräsentationsfiguren innerhalb visueller Kulturen und deren Bedeutung im Feld kultureller und sozialer Kontexte. In welchen politischen Zusammenhängen stehen bestimmte Bilder „verschleierter“ Frauen, und welche (rassistische) Wirkung haben diese in der Konstituierung einer europäischen Gesellschaft und deren Werte- und Identitätsvorstellungen? Warum löst die Vollverschleierung in westlichen Kulturen scheinbar Angst aus, und welche Rolle spielen solche Bilder im Gelingen oder Misslingen multikultureller Gesellschaftsformen? In welchem Verhältnis stehen Verhüllungen und Enthüllungen weiblicher Körper, und in welchen Relationen stehen diese zu Ordnungen von (Un-)Sichtbarkeit?

In meinem Nachdenken präferiere ich den Begriff der visuellen Kultur, um etablierte Grenzziehungen künstlerischer und medialer Formen zu öffnen und zeitgenössische Kunst als Teil dieses Bilddiskurses zu begreifen. Dennoch oder gerade auf Grund anhaltender rassistischer Repräsentationsstrukturen in der Alltagskultur interessieren mich Positionen zeitgenössischer Kunst zu Stereotypen muslimischer Weiblichkeit als Formulierungen einer widerständischen, dekonstruktiven Ästhetik.

Welche Bücher, Projekte sind für Deine Arbeit wichtig – und warum?

BP: Ich kann keine konkreten Bücher nennen, es sind bestimmte kritische Ideen, die mein Denken sehr beeinflussen, dazu gehört die feministische, kunstwissenschaftliche Theorie, Theorien der visuellen Kultur genauso wie kunstsoziologische Studien. Die kritische Kunstvermittlung, wie sie aus Wien und der Schweiz angestoßen wurde und wird, haben mich ebenso „bewegt“. Tatsächlich sind es oft Gespräche im Alltag, es können auch einzelne Sätze sein, die mich zum Denken anregen.

Welche Frage würdest Du gerne einer/m KunstvermittlerIn stellen? 

BP: Arbeitest Du dekonstruktiv innerhalb bestehender Kunst- und Bildungsinstitutionen? Und wie machst Du das???

Wie stellst Du dir die Zukunft der Kunstvermittlung vor? 

Ich würde mir eine größere Eigenständigkeit innerhalb bestehender institutioneller Arbeitsfelder und damit mehr Gleichberechtigung wünschen (oh, boy!).

 

Britta Petersen hat nach einer Ausbildung zur Friseurin in den 1980er Jahren Kunsttherapie und Kunstpädagogik an der Kunststudienstätte in Ottersberg studiert. Ihr kunstwissenschaftliches Diplom zum Motiv gekreuzigter Frauen in der Kunstgeschichte hat den Anstoß zum Studium der Kunstwissenschaften gegeben. Seit 2001 arbeitet sie auf verschiedenen Feldern als Kunstvermittlerin und Kunstwissenschaftlerin.

Bild 1: Foto aus der Weserburg. Britta Petersen, 2016.
Bild 2: Foto aus der Universität. Britta Petersen, 2016.



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